Stellenanzeige mit Wunschzettel: Best Practice aus der Wichern Diakonie

Wichern Stellenanzeige 1Jede Stellenanzeige, die irgendwie auffällt und sich von anderen abhebt, hat einen dicken Pokal verdient. Es gibt einfach noch viel zu wenige davon. Darum möchte ich heute einen Versuchsballon vorstellen, den die Wichern Diakonie in Frankfurt/Oder gestartet hat. Durch die Abwanderung der Fachkräfte nach Berlin und Cottbus hat sie große Personalsorgen. Im Sommer 2017 wurden drei ungewöhnliche Stellenanzeigen in der regionalen Tageszeitung geschaltet. Mein Favorit ist die mit dem Foto des „Wunschbuches“, in das Mitarbeiter ihre Wünsche für die Dienstplanung eintragen können („Bitte montags keine Spätschicht“). Statt hohle Floskeln wie „flexible Arbeitszeiten“ oder „Familienfreundlichkeit“ zu strapazieren, zeigt die Wichern Diakonie ihren Bewerbern ganz anschaulich und konkret, wie sie die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellt. Die Initiative für die Anzeigen stammt von Öffentlichkeitsarbeiterin Renate Witzleben.

Frau Witzleben, welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Anzeigen erlebt?

Acht Personen haben angerufen, darunter jedoch keine examinierten Fachkräfte. Trotzdem werden wir diese acht Personen einladen und schauen, welche Möglichkeiten wir ihnen bei uns bieten können. Vom Ehrenamt bis zur geringfügigen Beschäftigung oder Assistenztätigkeit gibt es ja verschiedene Einsatzarten.

Die Redaktion der Zeitung, in der wir die Anzeigen geschaltet haben, hat angerufen und sich begeistert über die Anzeigen geäußert. Sie hat sich auch für die Hintergründe interessiert, um anderen Arbeitgebern Tipps für bessere Stellenanzeigen geben zu können.

Was haben Sie aus der Aktion gelernt?

Der Effekt der lockeren, sympathischen Anzeigen verpufft, wenn die Interessenten am Telefon nicht ebenso locker und freundlich begrüßt werden. Duzen in der Anzeige, siezen am Telefon – das verwirrt und schafft wieder Distanz. Unsere Pflegedienstleitung wollte niemanden duzen. Aufgrund ihrer hohen Arbeitsbelastung konnte sie sich nicht in dem Maße mit den Anrufern beschäftigen, wie es notwendig gewesen wäre. Aber wenn man in die Stellenanzeige schreibt „Ruf doch mal an“, darf man die Bewerber nicht mit wenigen Worten abwimmeln, nur weil sie keine Fachkräfte sind. Solche negativen Erfahrungen erzählen die Bewerber ja auch im Bekanntenkreis weiter, wo vielleicht doch die eine oder andere Fachkraft zuhört. Wahrscheinlich wäre es besser, nicht die Telefonnummer der Pflegedienstleitung anzugeben, sondern die einer anderen Person, die mehr Zeit hat.

Wichern Stellenanzeige 2Auch müssen wir die neuen Anzeigen noch einmal überarbeiten, sie wurden zum Teil nicht so verstanden wie sie gemeint waren. Bei der „Wunschbuch“-Anzeige dachten die Interessenten, dass sie sich gleich bei der Bewerbung bestimmte Arbeitszeiten wünschen könnten. Die Anzeige mit der Pflegefachkraft, die ihr Hobby Geocaching vorstellt, wurde nicht als Jobangebot verstanden. In beiden Fällen müssen wir an den Formulierungen arbeiten.

Wie machen Sie weiter?

Unser Ziel, durch die Anzeigen neue Fachkräfte einzustellen, wurde leider nicht erreicht. Trotzdem würde ich sagen, dass unsere Aktion erfolgreich war, denn sie hat intern einige Leute wachgerüttelt. Es ist klar geworden, dass wir mehr Offenheit brauchen, mehr Willkommenskultur für Interessenten. Dass wir uns auch in Polen oder Tschechien nach Fachkräften umsehen und dass wir die Möglichkeiten der Beschäftigung und Qualifizierung von unqualifizierten Personen ausloten müssen. Auch hat sich meine Vermutung bestätigt, dass das Wort „Diakoniestation“ in der Bevölkerung nicht bekannt ist. Wir müssen unbedingt das Stichwort „Hauskrankenpflege“ dazu sagen, sonst wissen die Bewerber nicht, was für ein Arbeitgeber sie erwartet.

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